Definition
Selbstmitgefühl
Selbstmitgefühl bedeutet, sich in schwierigen Momenten mit derselben Freundlichkeit zu begegnen, die man einem guten Freund entgegenbringen würde.
Kurz gesagt: Selbstmitgefühl heißt, mit sich selbst in schwierigen Momenten freundlich umzugehen, statt sich zu verurteilen. Es ist kein Selbstmitleid und keine Nachlässigkeit, sondern eine Haltung der Fürsorge.
Die drei Bestandteile
Die Psychologin Kristin Neff beschreibt Selbstmitgefühl über drei Bestandteile:
- Selbstfreundlichkeit statt harter Selbstkritik,
- gemeinsames Menschsein: Leid und Fehler gehören zum Leben aller,
- Achtsamkeit: Gefühle wahrnehmen, ohne sie zu bewerten oder zu übertreiben (mehr unter Achtsamkeit).
Abgrenzung
Selbstmitgefühl ist nicht dasselbe wie Selbstliebe. Es richtet sich nicht auf Lob oder Selbstwert, sondern auf den Umgang mit Fehlern, Misserfolgen und Schmerz. Auch Self-Care ist eher eine Handlung, Selbstmitgefühl dagegen eine innere Haltung.
Was die Forschung sagt
Eine Metaanalyse in Clinical Psychology Review untersuchte den Zusammenhang zwischen Selbstmitgefühl und psychischen Belastungen wie Depression, Angst und Stress. Sie fand einen Zusammenhang: Wer sich selbst mitfühlender begegnet, berichtet im Mittel weniger Belastung. Ein Zusammenhang beweist jedoch keine Ursache. Selbstmitgefühl kann Fachbehandlung bei psychischen Erkrankungen nicht ersetzen.
Häufig wird befürchtet, Selbstmitgefühl führe zu Bequemlichkeit. Gemeint ist aber nicht, Fehler zu übergehen, sondern sie ohne harte Abwertung anzuerkennen. Der freundliche Ton ist dabei keine Schönfärberei: Er benennt, was schiefgelaufen ist, und lässt Raum für den nächsten Schritt. Die Wirkung solcher Haltungen ist individuell verschieden, und nicht jeder Mensch findet sofort Zugang zu ihnen.
Praxis: Selbstmitgefühl üben
- Bei einem Fehler fragen: Was würde ich einer guten Freundin oder einem Freund sagen?
- Den inneren Kritiker bemerken und den Ton bewusst milder wählen.
- Gedanken aufschreiben, zum Beispiel beim Journaling.
- Beruhigende Übungen wie eine kurze Meditation nutzen.
Bei starker Selbstabwertung, anhaltender Niedergeschlagenheit oder belastenden Erinnerungen ist psychotherapeutische oder ärztliche Unterstützung sinnvoll.
Selbstmitgefühl wird im Zusammenhang mit Programmen zur Stressbewältigung und Achtsamkeit gelehrt, oft in angeleiteten Kursen. Wer Kurse in Anspruch nimmt, sollte auf die Qualifikation der Leitung achten. Für manche Menschen sind die Übungen anfangs ungewohnt oder rufen unangenehme Gefühle hervor. Dann ist es sinnvoll, langsam vorzugehen oder fachliche Unterstützung zu suchen.
Quellen
- The three components of self-compassion (Self-Compassion Institute)
- Exploring compassion: a meta-analysis of the association between self-compassion and psychopathology (Clinical Psychology Review, 2012)
Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung.
Fragen und Antworten
Was ist der Unterschied zwischen Selbstmitgefühl und Selbstmitleid?
Selbstmitleid kreist um das eigene Leid und trennt von anderen. Selbstmitgefühl erkennt Leid an und sieht es als Teil menschlicher Erfahrung, begleitet von Freundlichkeit und Achtsamkeit.
Macht Selbstmitgefühl nachlässig?
Nach der gängigen Beschreibung nicht: Selbstmitgefühl meint Fürsorge statt Selbstverurteilung bei Fehlern, nicht den Verzicht auf Ziele. Wie Menschen im Einzelfall reagieren, ist verschieden.
Wie kann man Selbstmitgefühl üben?
Hilfreich sind kurze Übungen wie der Blick durch die Augen einer guten Freundin, ein freundlicher innerer Satz oder Journaling. Bei starker Belastung ist professionelle Begleitung ratsam.
Siehe auch
- SelbstliebeSelbstliebe ist eine wohlwollende, annehmende Haltung sich selbst gegenüber, unabhängig von Leistung und Fehlern.
- AchtsamkeitAchtsamkeit bedeutet, die Aufmerksamkeit bewusst und ohne Bewertung auf den gegenwärtigen Moment zu richten.
- Self-CareSelf-Care (Selbstfürsorge) bedeutet, bewusst für die eigene körperliche und seelische Gesundheit zu sorgen.
- ResilienzResilienz ist die Fähigkeit, sich an schwierige Lebensumstände anzupassen und die psychische Gesundheit in und nach Krisen zu bewahren oder wiederzugewinnen.
- Mentale GesundheitMentale Gesundheit ist ein Zustand seelischen Wohlbefindens, in dem Menschen Belastungen bewältigen, lernen, arbeiten und zur Gemeinschaft beitragen können.